Erfurter Projekt „Cool“ gibt Schulschwänzern zweite Chance

Tim hatte Stress mit den Lehrern. So jedenfalls sagt er das. Irgendwann begann er dem Stress aus dem Weg zu gehen, indem er gar nicht mehr hinging, in den Unterricht. Das Erfurter Projekt „Cool“ versucht, junge Menschen wieder in die Schule zurückzubringen.

Marc Feldmann, Projektleiter von "Cool", das in Erfurt Schulschwänzer wieder in die Schulen bringen will. Tim (15) hat ein Jahr lang am Projekt teilgenommen. Foto: Elena Rauch

Erfurt. Mal hing er mit zwei Kumpels auf dem Schulhof herum und verbummelte die ungeliebten Stunden. Manchmal blieb er gleich zu Hause. Auf dem Zeugnis gab es zum Schluss nur noch die Noten vier bis sechs.

Jetzt sitzt er am rotlackierten Tisch im Büro von Marc Feldmann, der, wäre das hier eine normale Schule, Direktor hieße, und versucht zu erklären, was hier anders ist. Und warum das in diesem Schuljahr so anders lief mit ihm.

Die Klassen sind kleiner, sagt er. Man kann mit den Lehrern gleich reden und sie reden mit dir. Man bekommt auch mal ein Lob. Man fühlt sich besser.

Über dem Regal mit den Aktenordnern lehnt ein Plakat an der Wand: Respekt. Es stammt aus einem Video, dass sie hier mit der Band gedreht haben, Tim sitzt am Schlagzeug. Es könnte aber auch ein Prinzip beschreiben, um das hier vieles dreht. Vertrauen geht nicht ohne Respekt. Und ohne Vertrauen geht in einem solchen Projekt überhaupt nichts.

Wenn Respekt mit Angst verwechselt wird
Viele Schüler, sagt Marc Feldmann, haben Probleme zu beschreiben, was Respekt ist. Manche verwechseln ihn mit Angst. Es gebe ja verschiedene Arten von Schulverweigerung. Die einen, wie Tim, gehen nicht mehr hin, andere stören und provozieren den Unterricht, auch das ist Verweigerung.

Hinter der Fassade von Aggression, von Null-Bock-Stimmung, von zur Schau getragener Coolness stecken oft ganz andere Erfahrungen. Mobbing, Versagungsangst, schwierige Familienverhältnisse, Zurückweisungen.

Wenn man die Oberfläche nicht aufbricht, nicht an den Kern gelangt, schafft man es nicht, diese Kinder mitzunehmen. Vielleicht ist das die größte Herausforderung.

Denn Ordnungsgelder oder gemeinnützige Stunden als Strafe für notorische Schulschwänzerei, das sei höchstens das allerletzte Mittel der Wahl. Und ob das helfe? Marc Feldmann schüttel skeptisch den Kopf.

Er ist selber Lehrer und Sozialarbeiter, arbeitet seit 13 Jahren in diesem Projekt, das vom Schulamt Mittelthüringen und vom Jugendamt der Stadt getragen wird. Drei Lehrer, davon einer in Vollzeit, vier Sozialpädagogen und etwa 40 Schüler, die hier in einem Schuljahr das Projekt durchlaufen. Ginge es nach dem tatsächlichen Bedarf, könnten es viel mehr sein. Dass jemand wie Tim ein ganzes Schuljahr bleibt, ist die Ausnahme.

Schule am anderen Ort. So in etwa ließe sich der Ansatz beschreiben, denn das Projekt hebelt nicht die Schulpflicht aus. Es gibt Unterricht, der beginnt Punkt acht, und sogar Noten, die an die Schule übermittelt werden, zu der die Schüler auch in der Projektzeit formal gehören. Es gibt eine Band, es gibt handwerkliche Arbeit, künstlerische, viel Sport.

Das ist keine Freizeitbespaßung, sondern es sind Felder, in denen Schüler Erfahrungen machen können, die sie schon fast vergessen haben. Oder nie gemacht haben. Das beginne schon mit einem strukturierten Alltag, sagt Marc Feldmann und erzählt vom gemeinsamen Frühstück, für das sie hier alle verantwortlich sind. Gemeinsame Mahlzeiten – es gibt Schüler, die kennen nicht einmal das.

Zusammen in einer Gruppe arbeiten, sich zurücknehmen, Anerkennung erfahren, ein Erfolgserlebnis haben – wahrscheinlich ist das noch wichtiger als das Nachholen von versäumtem Mathestoff. Beim Straßenfest im Viertel trat die Band auf und bekam viel Beifall. Das ist so ein Beispiel.

Wir arbeiten, erklärt der Projektleiter, viel mit den Eltern zusammen, anders ginge es nicht. In den meisten Fällen, so seine Erfahrung, liegen die Ursachen für die Schulverweigerung nicht in der Schule, sondern im persönlichen Umfeld.

Und ja, es passiere auch immer wieder, dass Jugendliche nach ihrer Rückkehr in ihre Schulen irgendwann wieder im Projekt auftauchen, weil sie wieder schwänzen. Aber sie wegzuschicken würde bedeuten, sie aufzugeben. Und dann gibt es auch noch andere Beispiele. Die jenes Schülers, der Abitur gemacht hat und jetzt in Dresden studiert.

Wenn man Tim fragt, was sich bei ihm verändert hat in diesem Jahr, sagt er: Ich habe wieder Lust auf Schule. Marc Feldmann korrigiert vorsichtig. Du hat vor allem gelernt, dich zurückzunehmen und nicht gleich aggressiv zu werden. Marc nickt. Er will, sagt er dann, zeigen, dass er auch anders sein kann. Man könnte darunter auch den unausgesprochenen Wunsch vermuten: Respekt gegen Respekt.

Elena Rauch / 24.06.16 / TA
Z0R0076503478

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